Die DSV-„Handlungsempfehlungen für das Wettfahrtkomitee“ verlangen, keine Wettfahrten zu starten, „sofern die durchschnittliche Windgeschwindigkeit bei mehr als 25 kn liegt“.
Die Wetterprognosen von Windfinder, DWD und Freier Universität sagen am 05.09.2026 Böen bis zu 7 Bft voraus, Windy sogar Böen bis 8 Bft. Würde die heutige Wettfahrt „Round the Island Autumn“ also abgesagt? 29 Boote und 7 IF-Boote, die hier einen eigenen Start haben, sind gemeldet.
IF Circe segelt kurz nach 9:00 Uhr los, um zum Regattagebiet zu gelangen. Wir sind zu Dritt, das dritte Crewmitglied ist Kiri - ein kleiner weißer Hund mit großen, schwarzen Knopfaugen, der unter Deck in der Kajüte in seiner sicher positionierten Tragetasche sitzt und auf diese Weise regelmäßig IF-Boot segelt.
An Deck ist es kühl, kein Regen, der Wind liegt bei 4-5 Bft, aber wir befinden uns in der Abdeckung. Wie wird es sein, wenn wir die „Große Breite“ vor dem Deutsch-Britischen Yacht Club (DBYC) erreichen? In der Tat: Dort bläst der Wind ungehemmt, heftige Böen fegen über das Wasser, Wellen, weiße Schaumkronen und Schaumstreifen, soweit das Auge reicht.
Auch für Kiri wird es, so unsere Befürchtung, plötzlich ungemütlich.
Aber er schaut völlig entspannt – anders als wir. Die Normalbesegelung für das IF, Groß und Genua, werden wir nicht halten können. Das erste Reff im Groß ist schnell angebracht. Wird das reichen? Nein, nach wenigen Minuten ist klar: Wir kriegen die Genua am Wind nicht dicht, auch würde die Genua leiden. Bei zu viel Wind dehnen sich die Nähte, das Segel verliert die Form, wurde mir gesagt.
Also Segelwechsel! Dies dauert bei diesen Böen und der Welle. Endlich ist die Genua in der Kajüte und die nächstkleinere, gelattete Fock 2 mit 13 m2 oben. Immerhin 3 m2 Segelfläche weniger. Es gibt auch eine etwas kleinere Fock 1 mit knapp 11 m2, aber die haben wir nicht. Kiri nimmt es stoisch hin, dass ihm nun ein Berg von nasser Genua den Blick ins Cockpit versperrt. Er schaut mich aus schwarzen Knopfaugen an und scheint nur zu sagen: „Bitte, wenn Du keinen anderen Platz für Deine Genua hast…“. Ihn kann offenbar nichts erschüttern.
Mit über 6 kn, Bugwelle mittschiffs, rauschen wir in Richtung Startboot. Kommen wir noch rechtzeitig dorthin? Wird überhaupt gestartet? Es ist keine Zeit, noch in den Regatta-Chat zu schauen, wir haben bei diesem Wind und den vielen durcheinander kurvenden Booten dafür keine Zeit.
Auf dem Startboot werden wohl in Böen 27 kn gemessen, so erfahren wir später, das entspricht 7 Bft. Aber der Durchschnitt liegt wohl nicht über 25 kn, jedenfalls zu dieser Zeit. Also wird gestartet.
Die Boote brausen nervös hin und her. Wir platzieren uns für den IF-Boot-Start in der Nähe der Starttonne, die das Ende der Startlinie markiert, gegenüber vom Startboot. Doch sind dort bei der Schaukelei die Fahnen kaum auszumachen. Der blaue Peter geht rauf oder war er schon oben? Ich aktiviere den 4 Minuten Countdown. Als die 4 Minuten vorbei sind, könnte es losgehen, IF Circe ist gut platziert. Aber wo bleibt das Startsignal? Kein Horn, kein Knall, nichts, absolut nichts dringt herüber. Habe ich den Countdown zu früh gesetzt? Wann ging der blaue Peter runter? Dann sehen wir, wie die anderen IF, die nahe beim Startschiff geblieben sind, nacheinander auf die Startlinie einschwenken. Vielleicht hätten wir meinem Countdown doch trauen sollen. Nun ist es zu spät.
Egal - los geht es in Richtung Tonne 1 in Luv. Sie liegt erstaunlich dicht unter Land. Später erfahren wir, dass sie vertrieben wurde.
IF Circe stampft durch die Welle. Selbst mit gerefftem Groß und Fock 2 müssen wir in Böen häufiger fieren. Das grüne Wasser fließt regelmäßig in Lee bis hinten über Deck, bei besonders starken Böen wird es auch das eine oder andere Mal ein klein wenig in die Plicht schwappen. Gelegentlich fliegt Gischt von vorn bis in die Plicht. Die schützende Sprayhood liegt unten, damit wir bessere Sicht haben. Was würde Kiri zu all dem sagen? Vermutlich so etwas wie „Ihr seid doch selbst schuld“. Kiri fährt häufiger Regatten und nimmt sie einfach gelassen hin. Auch jetzt hört man nichts von ihm, wir hören uns selber kaum. Hier oben pfeift der Wind in den Ohren.
Mit IF Hägar kreuzen wir mehrfach die Kurse. Hägar hat das Groß gerefft, fährt aber mit Genua, die er spektakulär durchs Wasser zieht. Bremst das oder gibt es zusätzlichen Vortrieb? Wohl letzteres, wenn man nach den hochzufriedenen Minen der starken Männer auf Hägar urteilt, offenbar echte Wikinger.
Nach der Tonne 1 gilt es, in den Jungfernsee hochzukreuzen, an Kladow vorbei, durch die zum Teil schmale Fahrrinne entlang der Pfaueninsel und die enge Stelle vor der Sacrower Heilandskirche.
IF „Circe“ hat die kleinste Besegelung von allen 7 IF, schlägt sich damit aber wacker. Den Zeitnachteil aus dem Start machen wir stückchenweise wett. Die IF-Boote mit Genua und zum Teil sogar ungerefftem Groß liegen deutlich mehr auf der Seite und schaffen nicht so viel Höhe.
Der Wind scheint ständig aufzufrischen. Die Messwerte werden später von Böen berichten, die fast die Stärke 9 erreichen. Selbst die Windy-App, die in der Regel gut vorhersagt, hatte also untertrieben. Aber deswegen wird die Regatta nicht abgesagt. Das Regelwerk besagt, „nur weil“ sich der durchschnittliche Wind über die Limits erhöht, wird eine Regatta nicht abgebrochen. Zu allem Überdruss ergießt sich auch noch ein Sturzregen über das Regattafeld, Himmel und Wasser, alles ist einheitlich grau, der Horizont verschwimmt. Der Einzige, der im Trocknen sitzt, ist Kiri. Vermutlich mag er mit uns nicht tauschen.
Dann klart es wieder auf. Nach und nach schieben wir uns weiter nach vorn. In der engen Fahrrinne neben der Pfaueninsel sind wir völlig mit uns und dem Wind von vorn beschäftigt. Hier darf man die Schläge nicht zu weit ausfahren, weil es hinter den Fahrwassertonnen flach wird. Jeder hat hier schon einmal eine Grundberührung erlebt. Heute ist es besonders kritisch, denn manche Wende verzögert sich durch den Einfall heftiger Böen, durch Fier-Manöver und extreme Seitenlage. Immer wieder kommt das Kommando, die laufenden Tiefenangaben des Echolots laut mitzulesen.
Am Ende haben wir es geschafft. IF „Hägar“ liegt nun hinter uns, die anderen IF sind nicht zu sehen. Wo sind sie geblieben? Vor uns? Hinter uns? Später erfahren wir, dass 4 von den gestarteten 7 IF auf Grund gelaufen waren. 3 IF haben daraufhin aufgegeben, eines auch mit einem Segelschaden.
Das vierte IF hat tapfer weiter gemacht, nachdem es von der DLRG freigeschleppt wurde - klassisch quer zum Schiff am Großfall, so dass sich Schiff, aber auch Mast unangenehm neigten, wie wir nach der Regatta hören. IF-Boote scheinen unverwüstlich.
All das wissen wir noch nicht, wir konzentrieren uns auf die nächste Engstelle bei Sacrow vor der Heilandskirche. Wieder pfeift der Wind von vorne, weiter verstärkt durch den Düseneffekt. Noch dazu drängt von vorn und von hinten Berufsschifffahrt in die Enge. Warum kommen die Berufsschiffer immer in diesen Momenten? Warnend tuten sie - ja, wo sollen wir denn hin? Hektische Wendemanöver mit sehr kurzen Schlägen sind die einzige Antwort, die uns bleibt.
Dabei passiert etwas Unerwartetes: Die Fockschot verhakt sich im Endbeschlag des Spi-Baums. Sie hat sich dort in den Schnäpper gedrückt, so als wäre sie eine Spi-Schot. Das ist nicht nur vom Verhalten dieser Schot her mysteriös, es ist auch rücksichtslos. Denn wir müssen nun in diesem Tohuwabohu mehrere Schläge mit laut killender Fock fahren. Das Malheur zu beheben, kostet einige Zeit. Und es passiert: IF „Hägar“ zieht währenddessen an uns vorbei.
Endlich ist die Fock wieder klariert und wir kreuzen auf die Wendetonne im Jungfernsee zu. Wir holen Hägar nicht mehr ein, und nach der Wendetonne baumt er die Genua aus und fährt auf und davon. Nun, das ahnten wir schon beim Start: Wer sich bis hierhin mit der Genua durchgekämpft hat, wird nun belohnt.
Also konzentrieren wir uns auf unsere eigene Rückfahrt. Sie führt nun auf der südlichen Seite der Pfaueninsel entlang. Die Fähre an der engsten Stelle hat gerade übergesetzt. Wir sind erleichtert und biegen parallel mit einem anderen Segelboot mit viel Wind von achtern schwungvoll auf die Engstelle ein - und sehen im letzten Moment, dass uns zwei übergroße Party-Boote entgegenkommen, glücklicherweise hinter- und nicht nebeneinander. Beherzt neben die Segler die Partyboote in die Mitte und rauschen links und rechts an ihnen vorbei. Die Fahrwasserbreite ist gut ausgenutzt.
Nun folgt eine lange, weniger turbulente Raumschot-Strecke bis zur Insel Lindwerder. Dort aber gilt es zu drehen und dann erneut aufzukreuzen, hoch zur Ziellinie vor dem DBYC. Leises Stöhnen im Cockpit, wie angenehm erholsam war es doch bis eben. Kiri bleibt weiterhin ruhig und kommentiert die kursbedingte Ungemütlichkeit im Cockpit nicht. Kein Wunder, er muss ja nicht herumturnen, Ausschau halten und an den Schoten zerren. Ob er wohl endlich Mitleid entwickelt, wenigstens ein bisschen?
Wieder wird geknüppelt. Wieder nähern wir uns IF Hägar deutlich. Aber die Strecke bis zur Ziellinie ist zu kurz, um ihn einzuholen. Doch wo sind die anderen IF-Boote geblieben? Liegen sie etwa vor Hägar? Werden wir hinter Hägar zweiter oder letzter? Sind sie nicht schrecklich, diese Regatten?
Endlich schaffen wir die Zieldurchfahrt! Im Chat kann man später Kommentare lesen wie: „Crew ist kaputt gesegelt und leckt sich die Wunden“ oder „Herausfordernde Bedingungen haben zu sehr coolen Erinnerungen geführt“.
Ja, es war in der Tat herausfordernd. 4 IF haben das Ziel erreicht, Hägar als erster. Wir sind erleichtert, dass wir es ohne Schäden am Schiff geschafft haben und genießen ein Pils und den Plausch im DBYC, sagen der Regattaleitung herzlichen Dank und regen für das nächste Mal an, ein besonders großes und lautes Signalhorn für den Start zu nehmen.
Kiri erhält viel Anerkennung, die er genauso freundlich akzeptiert wie zuvor die Fahrt auf dem IF. Er blieb die Ruhe selbst, auch als Schlafsäcke auf seine Tasche flogen und er manch Schräglage über sich ergehen lassen musste. Was mag er sich nur gedacht haben? Wahrscheinlich hat er im Stillen an unserem Verstand gezweifelt und so ganz Unrecht hätte er damit nicht. Oder er hat das IF-Boot als unverwüstlich bewundert. Auch damit hätte er Recht. Offenbar mag er IF-Boote. Ein Hoch auf Kiri, den entspannten - und äußerst seefesten - IF-Leichtmatrosen!
Andreas Metzenthin
